Bericht zu der Führung in der Neuen Galerie
durch die Sonderausstellung
"die kunst zu sammeln"
am Dienstag, 21. August 2018

 

Diese Sonderausstellung erschließt sich vielleicht dem alleinigen Museumsbesucher nicht so leicht. Mit einer Führung ist sie aber um so interessanter.

Frau Dr. Werner zeigte ganz neue Aspekte zu einzelnen Exponaten und auch zu Gemälde-Gruppen auf.

Die Sammlung der Stadt Kassel, die heute mehr als 1.300 Gemälde und annähernd 800 Arbeiten auf Papier umfasst, speiste sich zunächst aus vier Hauptquellen: aus der Sammlung der Gräfin Louise Bose, Werken vom Kasseler Kunstverein, aus Schenkungen der Brüder Murhard und aus Einzelgaben. Sie war, wie auch heute, meistens weitgehend im Depot eingelagert und erlebte erst 1921 ihre erste größere Präsentation für die Öffentlichkeit. Die Entstehungsgeschichte und ihre Schwerpunkte aufzuzeigen, ist ein wichtiges Ziel der derzeitigen Sonderausstellung.

Gräfin Bose liebte besonders Landschaftsbilder des späten Biedermeier, Sie sind in der Ausstellung entsprechend gut vertreten. Durch die Murhardschen Ergänzungen kann man den Übergang zum Im- und Expressionismus in Deutschland sehr gut nachvollziehen. Und die Kunstverein-Werke spiegeln den Sprung hin zur Moderne  mit ihrer abstrakten und monochromen  Malerei. Ein Teil der Gemälde sind auch in der Dauerausstellung der Neuen Galerie zu sehen.

Gräfin Bose, die älteste  Tochter des letzten hessischen Kurfürsten Wilhelm II und seiner Mätresse Emilie Ortlepp, verlebte ihr Jugend in Kassel, die späteren Jahre verbrachte sie in Hanau. Da sie kinderlos blieb, vermachte sie 1883 ihre hochkarätige  Kunst- Sammlung als Ganze, fast 400 Werke umfassend,  der Stadt Kassel und ließ auch noch selbst ein Museum für diese Werke bauen. Es stand an der - nach ihr benannten - Lusisenstrasse, wo heute nur noch ein Relief von ihr und ihrem Ehemann an sie erinnert.

Ebenso wie in anderen Städten, ging die Nazi-Beurteilung von ‚entarteter Kunst‘ auch an der Kasseler Sammlung nicht spurlos vorüber. Einige Werke wurden zerstört, andere zwangsverkauft, z. Teil durch postkartengroße, trist-graue Landschafts-Skizzen ersetzt. Die Ausstellung wurde von den Nationalsozialisten geschlossen und in sehr verkleinerter Form an anderer Stelle in der Stadt mit ‚nazi-gerechten Werken‘ neu eröffnet. So gibt es heute manche Gemälde, die z.B. in Privatbesitz sind und nicht nach Kassel zurückkehren können. Prominentestes Beispiel ist ein Gemälde von Lyonel Feininger.

Glücklicherweise konnte die Stadt die verbleibenden Exponate wenigstens vor Kriegszerstörung retten: alle  waren eingelagert und haben den Krieg überstanden.

Der Neuanfang nach dem Krieg war schwierig. Aber durch intensive Recherche konnte manches Bild nach Hause gebracht und durch Zukäufe eine aktuelle Ausrichtung vorgenommen werden. Ganz neu sind die vier Drucke von Olaf Holzapfel, die er in der documenta 14 ausgestellt hatte.

Auch eine Sammlung hat ihre ganz besondere, historische „Biographie“. Sie zu kennen, lässt alle Werke in einem neuen Licht erscheinen.

Frau Dr. Werner wurde herzlich gedankt für Eröffnung dieses neuen Blickwinkels.

Renate Fricke
Kassel, 26.8.2018